Kapitel III

           
Familienzusammenführung in Buffalo     
Wenn du es willst…      
Eine ganz normale Familie

Familienzusammenführung in Buffalo

Mein Leben war bis 2001 ziemlich aufregend und erfolgreich. Das Burg-Restaurant, das ich seit einiger Zeit betrieb, brummte und dann wurde ich krank, befand mich plötzlich auf einer Bremsspur. Alles musste zurückgeschraubt werden, wollte ich doch leben. In dieser Zeit fing ich an über mich und mein Leben zu reflektieren, nahm mir vor, mit meinem Erzeuger ins Reine zu kommen. Schrieb der US Army und bat um Aufklärung.

Mit all den Informationen war es kein Problem und so bekam ich recht zügig die Info, mein Erzeugervater sei 1998 ledig verstorben. Mitleid kroch leise in mir hoch, der arme Mann ohne Familie. Vermutlich war er so ein ‚Lebenslanger‘. Ich stellte mir vor, wie er einsam und nicht verstanden an der Theke des Clubs für Unteroffiziere saß und sich mit Bier bediente. Ich kannte das von meiner Arbeit beim Amerikaner in Bremerhaven, die Lifer, wie sie genannt wurden, hatten meist keine Familien und lebten ihr Leben lang in Uniform und auf dem Militärgelände. Na ja, andererseits war es mir nur Recht, denn schon als meine Mutter mir die Briefe von ihm überreichte, war ich sehr zerrissen, konnte und wollte keinen Kontakt aufnehmen. Jetzt wo er tot war, konnte er mir nicht mehr weh tun und ich würde an seinem Grab stehen und mit ihm reden. Ich hatte Angst von ihm abgelehnt zu werden, ohne Frage. Völlig unbegründet wie ich später herausfinden sollte..

Carrie, meine Schwiegertochter, wollte von mir wissen ‚Rebecka, was willst du machen, wenn du dieses Mal nach Chicago kommst?‘

‚Ich werde nach Buffalo reisen, um endlich mit meinem Erzeuger Vater ins Reine zu kommen‘, antwortete ich ihr.

‚Ich muss nur herausfinden, auf welchem Friedhof er beerdigt wurde‘. ‚Wie würdest du vorgehen?‘, erwiderte Carrie. ‚Man könnte die Todesanzeigen durchsuchen‘, ließ ich sie wissen. Ich hatte die Hoffnung nicht aufgegeben, dass es vermutlich doch einen Menschen gab, der ihn vermissen würde. Carrie ließ nicht nach, ‚ich kann das für dich machen‘, sagte sie und damit nahm das Ganze seinen Lauf, den ich nicht mehr stoppen konnte.

Es dauerte nicht lange, bis der Anruf von ihr kam, ‚Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht, welche willst du zuerst hören?‘ Ich schluckte, denn alles was ich wollte, war nur das Gespräch am Grab, zu mehr war ich nicht bereit. Was sollte also die schlechte Nachricht sein? ‚Schieß los‘, forderte ich sie auf, ‚egal mit welcher, schieß los‘.

‚Ich habe deinen Vater gefunden‘, ließ Carrie mich wissen. Ich musste durchatmen und fragte ‚….und? Was ist die schlechte Nachricht?‘ ‚Da ist noch mehr, willst du es hören?’…’sag schon‘, hörte ich mich sagen. ‚Du hast sechs Geschwister und ich habe mit der Witwe gesprochen. Sie wollen dich kennen lernen.‘ Es dauerte eine Weile und einige Male der Aufforderung etwas zu sagen, doch ich nahm meine Zeit. ‚Carrie‘, sagte ich, ‚lass mich langsam darüber nachdenken‘.

Eben war ich noch Einzelkind und nun hatte ich plötzlich sechs Geschwister. Mich mit diesem Gedanken abzufinden bereitete mir Schwierigkeiten und genau so lange brauchte ich um dieses überhaupt zu zulassen. Mit ihnen zu reden oder Kontakt aufzunehmen war zu diesem Zeitpunkt undenkbar. Ich vergrub mich in Arbeit und verschwand von der Bildfläche. In der Zwischenzeit lief die Telefonleitung bei meinem Sohn in Chicago heiß. Die Geschwister wollten Antworten, ich hatte selbst keine, war doch gerade meine Strategie in Sachen Erzeugervater den Bach runter gegangen. Eben hatte ich doch noch Mitleid, hatte den alten Sergeanten an der Bar vermutet und nun eine Witwe mit sechs Kindern.

Dann kam der Moment, an dem mein Sohn mir die Leviten las, ‚Du musst jetzt mit ihnen reden‘. Auf der anderen Seite war mein Mann, der ständig auf mich einredete ‚….ganz normale Menschen…das sicherlich sind ganz normale Menschen…‘. Heute ist der Satz ein ‚running gag‘ den wir für alle Verrücktheiten bei uns in der Familie, als Erklärung benutzen.

Die Zeit war gekommen, ich musste mich melden. Also beschloss ich, meine Email Adresse bekannt zu geben und kommunizierte mit meinen Geschwistern via email. Und tatsächlich es schien zunächst wirklich eine ganz normale Familie zu sein.

Mein Herz schlug bis zum Hals als ich Geraldine, die Witwe meines Erzeugers anrief. Was würde sie sagen, was denkt sie? Hat Eugene ihr von mir erzählt oder bin ich ein Kollateralschaden, eine Art Kriegswiedergutmachung.

Ich kann nichts von diesem Telefongespräch erinnern, was mir beweist, dass ich nicht Frau meiner Sinne war, bis auf eine kleine Sache. Diese Kleinigkeit ließ mich wieder zweifeln, es könnte sich um eine ganz normale Familie handeln. Ich ließ Geraldine wissen, dass wir Tom, Jan, Carrie und ich vor hatten im Herbst nach Buffalo zu kommen. Keine großen Anforderungen nur ein Wochenende, nur um ein Gespräch am Grab des Erzeugers, ein Zwiegespräch, mit ihm zu führen. ‚Rebecka, du musst wissen, Dein Vater ist eingeäschert worden‘. ‚Ja? Deswegen braucht er doch eine letzte Ruhestätte‘ meinte ich. Lange kam von Geraldine nichts, bis sie nuschelnd antwortete: ‚..die hat er auch, bei mir unter dem Bett‘.  Darauf brauche ich meine Auszeit, ich muss wohl eine Weile geschwiegen haben, bis meine Stimme wieder zu hören war. ‚Bist du noch da, Rebecka?‘, fragte Geraldine….ich kam nur zögernd wieder zum Sprechen…mein Bedarf an ‚ganz normaler Familie‘ war im Moment gedeckt.

Wenn du es willst, dann hilf mir..

Mein Schreibtisch ist nie groß genug, um meine Projekte aufzunehmen. Immer suche ich irgendetwas. Schon eine ganze Weile wühle ich nach den restlichen Unterlagen meines Erzeugers. Bilder und das Schreiben von der US Army, die mir geblieben waren, sind nicht auffindbar. Die Briefe an meine Mutter hatte ich genüsslich in einem Kristallascher verbrannt. Wo waren also die Bilder und das Schreiben der US Army? Ich suchte hektisch. Wühlte ich mich durch die unergründlichen Tiefen meiner Schreibtischschubladen, Stapelablagen, Ordner und sonstigen Plätze an denen man etwas vergraben kann. Ich wusste genau, wonach ich suchen musste. Die restlichen Bilder und das Schreiben hatte ich in einen Umschlag hinein getan und sie auf dem Schreibtisch zuletzt gesehen. Es war unmöglich, der Umschlag blieb verschollen. Ich ging weg, kam wieder, sie kennen dieses Spiel sicher auch von Ihren unzähligen Suchaktionen. Irgendwann hatte ich die Faxen dicke und hörte auf zu suchen, dreht mich um und wollte schon gehen, als ich meinen Erzeuger Vater ansprach: ‚Wenn Du willst, das ich deinen amerikanischen Zweig kennen lerne, dann hilf mir, die Unterlagen zu finden!‘ Ich drehte mich wieder um, griff in einen Berg mit Unterlagen und zog genau diesen Brief heraus. Sie mögen denken, nun spinnt sie, dann lassen Sie sich gern überraschen wie viel ‚Spinnereien‘ noch von mir zu erwarten sind.

Hatte ich diese Worte doch nur aus Jux gesprochen, so hatten sie plötzlich einen tieferen Sinn. Ich war überzeugt mit einem Tunnelblick den Tisch untersucht zu haben. Meine katholisch erzogenen Freunde rufen in solch einem Fall den Heiligen Antonius an ‚Holy Anthony something is lost and should be found‘. Heiliger Antonius etwas ist verloren und sollte gefunden werden. Es funktioniert, versuchen Sie es. Mein Blick auf das Leben und den Tod, haben sich immer von gängigen Sichtweisen unterschieden. Diesen Ausblick habe ich nicht etwa durch meine Erziehung erhalten, nein, sie war immer da. Für mich gab es nie einen Tod, für mich war es immer ein Bei-Seite-treten. Als Kind lernte ich schnell, nicht mit den Erwachsenen darüber zu reden. Sie verstanden nicht, wenn ich am Morgen vom Tod einer Person sprach und so ließ ich dieses Wissen bei mir. So oft kam es eh nicht vor und bald glaubte, ich einem Hirngespinst zu unterliegen. Meine kindliche Offenheit wurde von mir als neunjährige oftmals als altbacken und vorlaut bezeichnet, ich wurde stiller. Bis dahin fühlte ich nur, dass jemand gegangen war. Mit vierzehn Jahren sah ich Symbole, wie zum Beispiel Hausschuhe die verkehrt herum vor dem Bett standen. Meine Gedanken zu ordnen  ging nur sehr schwer. Ich verstand nicht, was da vor mir passierte. An irgendeinem dieser Tage beschloss ich, nie wieder solche Bilder zu empfangen. Ich konnte sie nicht verarbeiten, mit niemanden darüber sprechen, war überfordert. Immer wenn es zu viel wurde, hatte mir angewöhnt, das Vaterunser zu beten. Offensichtlich haben die Seelen es genau so gesehen, sie verließen mich ohne bewussten Abschied.

Eine ganz normale Familie

Die Vorbereitungen für das Familientreffen in Buffalo waren abgeschlossen, alles stand auf Abreise und die Spannung stieg. So oder so wusste ich doch nicht, wie sich das Ganze entwickeln würde. Ich hatte Angst und war froh Tom an meiner Seite zu haben. Die Reise nach Buffalo hing über mir wie ein Damokles Schwert, ich war abwechselnd in einer freudigen und dann wieder in einer negativen Euphorie.

Während der Reisevorbereitungen war ich mit meinen Geschwistern im Gespräch, wir kommunizierten via email und der Postverkehr war rege. So eine Art Vorstellungsrunde und dann kam der Tag, als wir uns zum ersten Mal trafen, es war es so als wäre es nie anders gewesen. Obwohl wir uns nie vorher gesehen hatten, war es keine Frage; das war meine Familie, wir waren und sind aus dem gleichen Holz geschnitzt.

Wir saßen am ersten Abend um den Tisch im Esszimmer und schauten uns die Bilder an, die Geraldine aussortiert in einer Keksdose bewahrte. Die Bilder mit denen die Kinder spielen durften. Da saßen wir und schauten uns Familiengeschichte an, die ich nicht erlebt hatte. Und dann klingelte das Telefon. Colleen ging hin und meldete sich mit ‚Hello’….hello?…dann hing sie auf. ‚Wer war dran?‘, fragte die Mutter. ‚Dad,‘, antwortete Colleen. Wir lachten.

Ich stellte eine Frage an die Mutter meiner Geschwister: ‚Hattet ihr denn nie Zweifel, nie die Frage gestellt wer ist diese Frau, die da behauptet eure Schwester zu sein?‘ ‚Nein‘, antwortete Geraldine, ‚Erin hat ja mit Papa gesprochen‘. Heiliger Bimbam, da war es wieder dieses Gefühl, im falschen Film zu sein. Mein Erzeugervater war tot, was sollte ich davon halten. Ich wagte nicht nachzuhaken, hatte das Gefühl, das mit dieser Familie nicht alles in Ordnung sein konnte. Es dauerte eine geraume Zeit, bis ich ein Herz fasste und die Frage aufbrachte: ‚Wer kann noch mit Dad sprechen?‘ Alle schüttelten den Kopf, keiner wollte damit etwas zu tun haben. Colleen wies mit dem Finger auf Erin. Sie war die Jüngste und hatte das, was man einen Welpenbonus nannte. Ich drehte  mich zu Erin und sagte:‘ Weihe mich ein, ich habe einige Fragen an den Kerl‘. Alle lachten und Erin antwortete: ‚Ich war in Lily Dale‘. Im Tal der Lilien? Was sollte ich davon schon wieder halten. Ich zog es vor, mich er Keksdose zu nähern, griff in den Stapel abgenutzten Bilder und fragte: ‚Wer ist das, weiß das einer?‘

Als ich in der Nacht neben meinem Mann im Bett lag sagte ich langsam und unmissverständlich: ‚Eine ganz normale Familie, was?‘

weiter