Kapitel VIII

Der Tod, ein Beiseitetreten

Trauerphase und ihre Feinfühligkeit

Wenn die Seelen gehen

Die Sterbenden bereiten sich vor

Das Ding vor meinem Auge

Mein indischer Freund

Helmut und Giesela

Reidun’s Abschied

Sterbeprozess

Der Tod – ein Beiseitetreten

Tod und Sterben sind für mich zwei Paar Schuhe. Wir alle haben einen Tod, der ganz sicher ziemlich gleich abläuft, aber nicht die gleiche Art zu sterben. Sterben ist nichts abstraktes, auch weil wir jemanden kennen oder begleitet haben, der diese Erfahrung gemacht hat. Sterben haben wir an anderen miterlebt, nicht aber den Tod. Wüssten wir wie der Tod sich anfühlt, was uns erwartet..wir könnten nicht warten und wollten sofort los.

Mein Mann und Seelenverwandter erkrankte 2013 schwer. Gekämpft hat er 2 Jahre und drei Monate. Ein Sterben auf Raten, was uns viel abverlangte. Die Hoffnung wieder zu genesen, haben wir nie aufgegeben und dennoch war es ab Dezember 2014 klar, ich musste meinen Tom gehen lassen. wir alle haben dieses Ablaufdatum auf der Stirn, doch die meisten von uns sind nicht in der Lage dieses zu erkennen. Somit ignorieren wir auch gern Zeichen und vernachlässigen unsere Gesundheit.

Die Zeit kam und Tom wurde auf die Palliativstation eingewiesen. Wir hatten viel Zeit und führten gute Gespräche über das Leben und den Tod. Die Krankheit hatte bereits die Leber so zerstört, dass das Gehirn nicht mehr richtig arbeitete. Tom, der sein Leben lang an die Unendlichkeit glaubte, fing an zu diskutieren: ‚Es gibt kein Leben nach dem Tod‘. ‚Meine Güte, was ist in dich gefahren. Sie dich um und erkenne, dass nichts auf dieser Welt endlich ist‘. ‚Nein, ich sage es dir. Ich war da und es war nichts.‘ ‚Aber nein, antwortete ich, ‚ du warst nicht da, die ganze Zeit warst du hier.‘ ‚Tom‘, sagte ich, ‚wenn du da bist und es gibt ein Leben nach dem Tod, dann kannst du mir das ja mitteilen.‘ Tom überlegte einen Moment und dann ließ er mich wissen ‚Das wird nichts, es gibt kein Leben nach dem Tod‘. ‚Gut‘, beendete ich die Diskussion, ‚dann kannst Du mir das ja auch mitteilen‘.

Mein Mann war ein leidenschaftlicher Historiker und die Wikinger hatten es ihm insbesondere angetan. Er ließ keinen Moment aus, um darauf hinzuweisen, dass er der 35. Nachfahr von Harald Schönhaar ist und  so sagte er, ‚ Becki, wenn es ein Leben nach dem Tod gibt, dann schicke ich dir Sleipnir‘. Wir lachten und ich wunderte mich noch wie er denn wohl Sleipnir, das Pferd von Odin mit seinen acht Beinen als Beweis schicken wollte. ‚Lass das meine Sorge sein‘, erwiderte er und fiel in einen tiefen Schlaf aus dem er nicht mehr zurück kam.

Tom hatte sich entschieden zu gehen. Ich wusste, es würde nicht mehr lange dauern und stellte mich darauf ein. Wir brachten ihn in ein Hospiz und Jan und ich blieben an seiner Seite. Drei Tage später spürte ich den nahen Tod. Ich wusste nicht warum, aber ich war mir bewusst, dass er nun endgültig gehen würde.

In der Todesstunde ließ ich ihn noch wissen, dass ich auf ihn zähle und er den Sleipnir schicken sollte. Ich weiß nicht wie lange es gedauert hat, das Licht im Raum hörte für eine lange Zeit nicht auf zu flackern.

Und dann kam ein Moment, der mich traf wie kein anderer, die Aura meines Mannes ging durch den Raum, durch Wände und erschien wieder. Tom war zu Lebzeiten  neugierig geblieben und das passte zu ihm. Durch die Wände gehen und mal schauen wo wir hier eigentlich sind. Als er eingeliefert wurde, war er schon in der Terminalphase. Ich stand da, schaute aus dem Fenster, glaubte noch an eine Lichtspiegelung, die von außen kommen konnte. Aber nein, wir waren ja am Waldrand und kein Licht war außen zu sehen. ‚Entschuldige Tom‘, sagte ich zu meinem verstorbenen Mann, ‚ich muss mich erst an deine neue Stofflichkeit gewöhnen‘.

Dieses behielt ich zunächst für mich. Ich wollte andere nicht beunruhigen oder mich gar als verrückt hingestellt wissen. Fragte das Personal, ob sie jemals ungewöhnliche Ereignisse verzeichnet hätten. Sie erzählten mir von Schmetterlingen im Winter und von manch anderen Ereignissen. Ich schwieg und dachte nach. Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich schon, dass meine Gabe sich wieder zeigte.

In den Wochen nach Toms Tod war ich in tiefer Trauer, vergrub mich in der Wohnung und ließ niemanden an mich heran. Eines Morgens im Februar saß ich früh um sechs mit meiner Tasse Kaffee vor dem Fernseher und schaute mir die Nachrichten an. Über dem Fernseher war Toms Bild mit einer Kerze, die ich meistens um diese Zeit an machte. Ich schaute hinüber zu dem Foto und sagte zu Tom: ’nun ist aber schon einige Zeit vergangen und du hast mir den Sleipnir immer noch nicht geschickt‘. Der Fernseher ging aus. Ich unterbrach meine Ansprache und konzentrierte mich auf den Fernseher. So lange hatten wir ihn noch nicht, war er kaputt? Er ging wieder an. Naja, da ist sicherlich Strom weg gewesen, was wiederum widersinnig war, denn das Licht blieb an. Wir hatten Februar und draußen war es um diese Zeit noch stockdunkel. Und schon ging der Fernseher wieder aus, ich schaute auf die Uhr, drei Minuten aus, eine Minute an und schon ging es weiter, der Fernseher ging an. ‚Nun ist ja gut, ich habe verstanden‘, sagte ich zu meinem Mann. Dreimal an, dreimal aus, dann war ruhe. Ich rief unseren Sohn an: ‚Jan, du hast den gleichen Fernseher, warum geht das Teil an und aus‘? ‚Wie meinst Du das‘, fragte Jan, ‚ich weiß nur das man 15 Minuten einstellen kann. Bring den Apparat zurück, vielleicht hast Du noch Garantie da drauf‘. Nein, dachte ich, da hat der alte Schwede wohl doch noch mehr Mühe, uns Sleipnir zu schicken als er vorher ahnen konnte. Licht und Fernseher an und aus ist anscheinend einfacher.

Ich begann zu verreisen, ich beschloss, in die USA nach Buffalo zu meiner Familie zu fliegen. Meine Geschwister würden mich ein Stück des Weges tragen, ich hätte ausreichend Abwechslung, bevor ich zu Toms Familie nach Utah fliegen würde. Ich kam nicht umhin, musste meinen Kopf frei machen. Nach der Reise wollte ich entscheiden wie mein Leben funktionieren könnte.  Das Haus in Hamburg NY stand leer, Geraldine war im Pflegeheim, ich genoss das allein sein. Kein Fernseher, der angehen konnte, keine Fragen, keine Antworten. Wirklich? Nein nicht wirklich.

Ich fuhr täglich die 40 km hin und her zum Pflegeheim. Plauderte mit Geraldine und verabredete mich mit meinem Bruder Michael zu einer Spazierfahrt in die Vergangenheit. Michael brachte mich an Plätze, wo unser Vater gern gesessen hatte  oder wo die Kinder gespielt hatten.

Meinem Bruder Michael ist meine Zeit in Buffalo wichtig. Er nimmt sich frei um etwas mit mir zu unternehmen. An einem dieser gemeinsamen Tage hatte er für mich einen Besuch bei Tante Shirley und Onkel Neil organisiert. Die beiden sind schon ein wenig indisponiert und da braucht es eine gewisse Zeit, damit wir neben Onkel und Tante auch die Cousinen treffen könnten. Alles das hatte mein Bruder organisiert. Ich war gespannt, denn Tante Shirley ist die Schwester meines Vaters, so hatte das Ganze schon eine gewisse Spannung. Tante Shirley als Familienoberhaupt, hatte die Aufgabe nach dem Tod unseres Cousins Kim die Erbschaftsangelegenheiten zu regeln.

Mein Bruder und ich saßen auf dem Sofa mit Blick in den Flur, der von der Küche her führte. Jeder, der nach uns kam, musste diesen Weg nehmen. Ich schaute gespannt, wer  kommen würde, denn alle Familienangehörigen kannte ich noch nicht persönlich. Mit fiel auf, dass die nach uns kommenden,  an einem Regal im Flur hielten und dort den Gruß ‚Hi Cousin Kim‘ aussprachen.

‚Michael‘, sagte ich zu meinem Bruder, ’steht da ein Bild von Kim? Ich würde ich gern einmal sehen‘. Wir, die Verwandten, befanden uns in einer langen Erbschaftsangelegenheit und hatten Cousin Kim zu verdanken, falls wir einmal in den Geldsegen kommen sollten. Mein Bruder drehte sich zu mir, so als wollte er ohne Aufsehen eine Antwort geben: ‚Siehst du den weißen Marmorbehälter im Regal? Da ist die Asche von Cousin Kim drin‘.

Über mir schwebte, wie ein Damokles Schwert, dieser Satz ‚Eine ganz normale Familie‘.

Der Wunsch, nach Lily Dale zu fahren, wuchs in mir.  Es ist nicht auszuschließen, dass ich die Seelen dort treffen würde. Bislang glaubte ich, von meinem Tom noch keine Nachricht bekommen zu haben, vielleicht würde sie etwas von Sleipnir sagen.

Der Winter 2015 war unglaublich hart  und ich konnte mir kaum vorstellen ein Medium in Lily Dale zu finden. Es war kalt, der Schnee lag noch über einen Meter hoch. Auf das Gelände der Gemeinde zu fahren, war riskant. Ich suchte mir einen Parkplatz und Menschen, die ich fragen könnte. Im kleinen Shop wollte man mir helfen. Es führte mich wieder zu Sheila, die Frau, die mir eine schicksalsreiche Vorhersage gemacht hatte.

Es waren Jahre vergangen, seitdem wir uns das erste Mal getroffen hatten. Ich war überrascht, wie gebrechlich Sheila geworden war. Vor meinem inneren Auge sah sie als sterbende Frau und wusste, dass ich Sie nach dieser Begegnung nicht wiedersehen würde.

Sheila sah mich lange an und fragte mich: ‚Warum sitzt du auf der Seite, du solltest hier sitzen‘ , sie zeigte auf ihren Platz. Dann fuhr sie fort, ‚ich sehe ein Veilchenblau überall um dich herum, arbeite an deiner Begabung‘,  dann begann sie die Sitzung. Ich nickte und vergaß alles. Hatte ich so etwas Spektakuläres wie beim letzten Mal erwartet, dann war ich dieses Mal  enttäuscht worden.

Trauerphase und ihre Feinfühligkeit

In der Trauerphase sind wir sehr aufmerksam. Man könnte diese Zeit auch eine hellsichtige Zeit nennen. Wir achten auf Geräusche viel schneller als außerhalb dieser Zeit. Eines Tages fiel mir auf, dass ich mich überhaupt nicht an die Stimme meines Mannes erinner konnte. Ich litt darunter und weinte den ganzen Tag. Als ich schlafen ging, lag ich noch lange nur so da. Ich hatte keine Tränen mehr, meine Trauer war nur noch von einem Schmerz in der Brustgegend zu fühlen.

Irgendwann muss ich vor Erschöpfung eingeschlafen sein. Gegen zwei Uhr sprang ich aus dem Bett und glaubte mich um Monate zurückversetzt. Ich hörte meinen Mann nach mir rufen. Noch auf der Bettkante sah ich den leeren Platz, wo sein Bett gestanden hatte. Sofort wurde mir bewusst: Mein Liebling wollte mir Heilung geben. Natürlich wusste ich seine Stimme zu erkennen, Trauer lässt uns manchmal seltsame Wege gehen.

Nach weiteren Monaten und sich permanent wechselnden Gefühlen, saß ich eines Abends da und sagte zum Bild meines Mannes: ‚Ich vermisste dich als Mensch, ich vermisse deine Körperlichkeit, ich vermisste die Gespräche mit Dir.‘

In der Nacht, wachte ich auf und erinnerte meinen Traum, der sich so real anfühlte, als so als wäre ich persönlich da gewesen. Ich träumte einen weiß eingewickelten Leichnam, den Körper meines Mannes zu sehen, dennoch war der Kopf so lebendig wie im richtigen Leben. Er lachte und ließ mich wissen: Alles kann ich dir geben, nur die Körperlichkeit nicht mehr.

Ist das nicht wunderbar, wie die Seelen an unserer Genesung arbeiten. Wir brauchen unsere Zeit und wenn Aufmerksamkeit möglich ist, dann sehen wir die Zeichen und Wunder.

Wenn die Seelen gehen

Völlig gedankenverloren kam ich nach Hause. Mein Blick war nach innen gerichtet, der Abend war nicht so verlaufen, wie ich es mir vorgestellt hatte. Wir wollten zum Open Air Konzert und dann regnete es. So ging ich das Ganze noch einmal durch, meine Aktionen waren automatisch. Das Auto hatte ich in der Garage abgestellt und nun schloss ich die Wohnungstür auf. Mein Blick war mehr zum Boden als zu den Aufgaben, die ich erledigen wollte, gerichtet. Schlüssel in den Schrank hängen, ich öffnete die Tür und dabei fiel mir nebenbei auf, dass sich etwas an mir vorbei bewegte. So als hätte man ein flatterndes Spinnengewebe zerstört, nur größer. Was war das. Es sah genauso aus wie in der Todesstunde meines Mannes die Feinstofflichkeit im Raum. ‚Tom bist du das‘ fragte ich. Gleichzeitig verwarf ich diesen Gedanken, denn ich wusste, das konnte nicht sein. War etwas mit meiner Mutter, mein Telefon loggte sich ins Internet ein und eine Nachricht nach der anderen meldete sich. Ich sah, dass mein Sohn versuchte, mich zu erreichen und so entschied ich mich ihn anzurufen, bevor ich meine Mutter kontrollieren würde. Es war durchaus denkbar dass ihr etwas passiert, mit über neunzig Jahren sind Überraschungen vorprogrammiert. Tante Fern ist von uns gegangen, ließ Jan mich wissen. Das war es, Fern war die Person.

Ein halbes Jahr später verabschiedete sich ein alter Freund. Ich hatte wenig Kontakt zu ihm. Seine Frau war eine alte Schulfreundin. Als ich an dem Abend vom Sofa aufstand um mich bettfertig vorzubereiten, kam mir genau die gleiche Form entgegen. Ich wusste nicht, dass er ‚gegangen‘ war, aber erst recht nicht überrascht als seine Frau mich später anrief und mir mitteilte, dass ihr Mann verstorben sei.

Mir stellte sich die Frage: Wieso kommen die Seelen zu mir?

Die Frage tauchte immer wieder auf: Wieso ich. Kann es sein, das die Seelen auf einem Zeitstrahl eine alte Sache mit mir aufarbeiten? Sie mich deshalb aufsuchen? Ich hatte und habe bislang keine Antwort auf diese Frage.

Heute fast sechzig Jahre nachdem ich mich besagten Phänomen verschlossen hatte, kann ich mit dieser Gabe besser umgehen. Die Zeit ist reif, müssen die Seelen gedacht haben.

Wenn die Seelen sich verabschieden, gehen alle sechs Körper der Aura zuerst. Als letzter Körper verabschiedet der Ätherkörper, die Blaupause des physischen Körpers,  in die Unendlichkeit. Diese Feinstofflichkeit sehe ich, bislang konnte ich noch nicht mit ihr kommunizieren. Meine Frage ‚Wer bist Du?‘ wurde nicht beantwortet.

Die Sterbenden bereiten sich vor

Eines Tages sagte Michael zu mir, ‚Ich glaube, es geht mit Mom zu Ende, sie sieht Dad und verbietet mir, mich auf den Sessel zu setzten, weil Dad dort schon sitzt.‘ Michael fragte sie dann noch, was Dad denn so wollte und sie antwortete: ‚Wir unterhalten uns nett.‘ ‚Dann kann das nicht Dad sein, ihr habt euch nie nett unterhalten.‘ Mein Bruder nahm das Ganze nicht ernst. Geraldine befand sich in einer Sterbevorbereitung. In der Terminalphase ist der bettlägerig Kranke ruhelos, die Lebenserwartung ist nur noch eine kurze Zeit. Oft habe ich das aus Erzählungen  meiner Patienten und Freunden gehört, dass dann auch das Sehen von bereits Gegangenen stattfindet.

Mit mir sprach sie kein Wort darüber. Ich durfte mich setzten wo immer ich wollte. Ich wurde ruhig in diesen Tagen, dachte ich doch, Geraldine würde sich in der Sterbephase befinden. In dieser Phase ist der Mensch nach innen gerichtet, er hat nur noch wenig Zeit in diesem Leben und bereitet sich auf das Kommende vor. Die Sterbenden sehen in dieser Zeit ihre Angehörigen oder auch Tiere, die ihnen besonders am Herzen lagen. Geraldine konnte nicht sterben, sie rappelte sich immer wieder zurück ins Leben. Es sollte noch eine ganze Weile dauern, bis sie sich endgültig verabschieden konnte. In dieser Zeit saßen abwechseln mein Vater und meine verstorbene Schwester auf dem Stuhl. Wir alle hatten nicht die Möglichkeit sie zu sehen, hätten aber gern ein paar Worte mit ihnen gesprochen.

Unser Abschied ist nie der letzte, immer organisieren wir ein Fest, ein letztes Zusammenkommen, bevor ich die Reise nach Hause oder weiter antrete. Es war spät geworden, meine Schwester hatte die Familie zusammen getrommelt, alle noch einmal drücken, Pizza essen und sich versprechen, bald wieder da zu sein. Als ich spät am Abend zurück ins Haus fuhr, hatte ich ein wenig Bedenken früh um vier aufzustehen und zum Flughafen zu fahren. Mein Bruder fragte noch, ob er mich führen sollte, ich sagte nein, das schaffe ich. Den Weg zum Flughafen nach Buffalo war ich nie allein gefahren, ein wenig komisch war mir. Doch ich glaubte, es zu schaffen, und dann würde es auch gehen. Stellte mein Telefon auf vier Uhr klingeln und legte mich in das Bett meines Vaters zum Schlafen. Als ich wieder aufwachte war es vier. Ich ging ins Bad und machte mich startfertig, war überrascht so ausgeruht zu sein. Der Wetterdienst hatte Glatteis und Schneeverwehungen angesagt, mir war nicht ganz wohl in der Haut. Mich beeilend packte ich die letzten Sachen in den Koffer und nahm mir keine Zeit zu Frühstücken, das konnte ich auch am Flughafen in aller Ruhe machen. Mein Telefon noch eben checken und sehen ob jemand geschrieben hat. Mein Blick fiel auf den Wecker. Er war nicht abgegangen, obwohl ich glaubte ihn gehört zu haben. Wie konnte das sein? Wer hat mich geweckt. Ich war doch todmüde am Abend in die Kissen gefallen, hatte eigentlich nur vier Stunden Schlaf zu erwarten. Meine Zeit, darüber nachzudenken, lief ab, machte das Auto fertig und fuhr los. Erst im Flugzeug fiel mir wieder auf, dass alles wie am Schnürchen geklappt hat. Die Straßen vereist, ich musste vorsichtig fahren, wenn ich erst auf der Autobahn bin, dachte ich, dann wird es gehen. Für eine Fahrt, die eigentlich nur 40 Minuten braucht, hatte gute eineinhalb Stunden gebraucht. Wer immer das war, dachte ich, danke, dass Du mich geweckt hast. Ich war glücklich, Buffalo war wieder einmal ein Meilenstein in meinem Leben.

Das Ding in meinem Auge

Meine Mutter ist stolze 92 Jahre alt und wer sie kennt glaubt ihr Alter nicht. Sie ist fit wie ein Turnschuh und freut sich bester Gesundheit. Ihre 75m2 große Wohnung bewirtschaftet sie selber und geht für ihre Freundin regelmäßig zweimal in der Woche einkaufen. Ärzte staunen, wenn sie vorstellig wird, weil sie ihr Blut mal untersucht haben möchte. ‚Das muss man doch in meinem Alter mal machen‘ ist ihre Antwort.

Ausschließlich wegen ihrer Gehörlosigkeit begleite ich sie halbjährlich zum Augenarzt. ‚Du Becki‘, sagte meine Mutter bevor wir los gingen, ‚ich möchte, dass du den Arzt fragst was das ist das ich immer sehe  , meistens abends‘. Ich staunte, sie hatte mir noch nicht gesagt, dass es ein Augenproblem geben könnte. ‚Was siehst du denn da‘ fragte ich sie. ‚Zwei ganz sauber ovale Dinger, die vor meinem Auge sind.‘  ‚Wie vor deinem Auge‘, fragte ich, ‚der Augenarzt sieht doch in dein Auge‘.‘ Nein, das sehe ich sowohl mit dem rechten als auch mit dem linken Auge‘, antwortete sie. Meine Mutter bestand darauf, dass ich den Augenarzt fragen sollte, was ich auch artig tat. Er wägte ab und sagte, ‚das sind Glaskörper, die das Innenauge trüben, nichts Ungewöhnliches‘. Wir gingen und sprachen erst einmal nicht mehr darüber.

Am Nachmittag kam meine Mutter unter dem Vorwand zu mir, noch über die Versorgung ihrer Freundin zu sprechen zu wollen. Im Laufe der Unterhaltung kam sie noch einmal auf das zurück, was sie sah. ‚Rebecka‘, begann sie, ‚ich habe dir nicht alles erzählt. Da ist noch was, ich habe solch eine Form noch nie vor meinem Auge gesehen und es sind ja auch zwei in jedem Auge eines dieser ovale..‘. ‚Wie in jedem Auge‘, frage ich nach und sie antwortete:‘ Wenn ich das rechte Auge zu mache ist das im linken Auge immer noch da und umgekehrt genauso. Ich fragte mich neulich, ob ich mir einbilde, das Gesicht von Papa und Tom zu sehen und drehte mich im Bett um. Ich wollte schlafen und noch nicht sterben. Dachte ich doch sie wollten mich holen und fragte mich ob der Tod so aussieht.‘

Ich versprach meiner Mutter, dass der Himmel sehr lustig ist und keinesfalls uns Angst machen will. Vor Allem soll sie sich keine Gedanken machen, sie wird schon rechtzeitig merken, dass sie sich außerhalb ihres Körpers befindet.

Mein indischer Freund

Eines Tages kam ein Freund zu mir. Er war gerade aus seiner Heimat Kalkutta zurück, wo er mit seiner in London lebenden Schwester die traurige Aufgabe hatte, die Mutter in ein Heim zubringen. Sie war verstorben, und der Wunsch darüber zu sprechen brachte ihn zu mir. Wir setzten uns und sprachen über das, was ihm auf dem Herzen lag, die eigentlichen Geschichte, für die er keine Erklärung hatte.

Seine jährliche Reise nach Kalkutta hatte dieses Mal einen traurigen Hintergrund Schwester und Mutter zu versorgen. Marie, seine Schwester lag, schwer erkrankt im Hospital, Hoffnung auf Heilung gab es nicht. Der Beschluss die Mutter in ein Pflegeheim zu geben war unumgänglich. In der armenischen Gemeinde sollte sie in einen schönen Platz bekommen, die Möbel aus der Wohnung würden ihr Erinnerung sein. Die Mutter litt seit einiger Zeit an Demenz, dennoch war den Geschwistern nicht wohl bei der Sache. Ihre Zeit war so knapp bemessen, dass sie sich auf das Pflegepersonal verließen. Sie mussten sich um das Auflösen der Wohnung und um die Schwester im Hospital kümmern. Die armenische Gemeinde besaß einen Block, um deren vier Ecken Kindergarten, Schule, Kirche und Altenpflegeheim angeordnet waren. In der Mitte dieses Karrees ein Friedhof und diesen grünen Platz konnte die Mutter vom Fenster aus sehen.

Die Mutter war im Heim gut versorgt, doch dann kam die Nacht, in der die Schwester verstarb. Wie sollte man ihr dies mitteilen? Nach all den Aufregungen, die sie in den vergangenen Tagen erleben musste. Beiden Geschwister waren nicht wohl in ihrer Haut und der Weg zum Pflegeheim wurde zu einem schmerzvollen Weg. Als sie den Raum der Mutter betraten, kam diese auf sie zu und fragte: ’Was hat Marie letzte Nacht im Nachthemd auf dem Friedhof gesucht?‘

Helmut und Giesela

Mein Vater hatte drei Schwestern. Zwei davon konnten hören, die dritte,  Gisela war wie mein Ziehvater Rudi taub.

Gehörlose haben eine Angewohnheit, mit der sie sich bemerkbar machen. Wenn sie fern stehen, winken sie mit fuchtelnden Armen. Stehen sie nah an der Person, dann tippen sie zweimal tiptap tiptap. Etwas gewöhnungsbedürftig wenn die Unterhaltung aufgeheizt ist, dann kann es auch schon einmal raubeinig zugehen. Wenn mein Vater einmal wissen wollte, was dort gesagt wurde, dann tippte er mich an der Schulter oder am Arm.

Gisela ist zwei Jahre vor Helmut, ihrem Mann gegangen. Sie fiel einfach so im Supermarkt um und war tot. Für die Familie ein Schock, sie machte nicht den Eindruck einer kranken Person.

Helmut machte sich für seinen Arztbesuch fertig und starb beim Anziehen. Meine Mutter wollte auf keinen Fall diese Beerdigung verpassen, Giselas konnten wir nicht besuchen. Mein Mann war schon zu der Zeit schwer krank und ich konnte meine Mutter nicht nach Braunschweig fahren. So lag es uns am Herzen, an Helmuts Gedenkfeier teilzunehmen.

Mir graute vor der Fahrt, waren wir doch beim letzten Besuch in einem Stau stecken geblieben, der mir die Freude am Fahren vermieste. Dennoch kamen wir  pünktlich in Braunschweig an und begrüßten Familie und Freunde meines Onkels, die bereits vor der Kapelle auf die letzten Gäste und den Pastor warteten. Ich weiß noch wie ich mich über die breiten Gänge zwischen den Bänken wunderte und lobte die Architekten für ihr Mitdenken. Besonders ältere Menschen die, mit einem Rollator zur Trauerfeier kommen, wissen das zu schätzen.

Ich setzte mich auf die zweite Reihe schräg hinter meine Mutter, um ihr die Rede zu dolmetschen, denn in der ersten Reihe war längst alles belegt. Rechts neben mir saß keiner, links neben mit waren zwei Plätze frei. wie ich später bemerkte waren die hinter mir Sitzenden mehr als eine Armlänge von mir entfernt. Ich beobachtete die Hereinkommenden wie sie dem Bild meines Onkels und dem Sarg einen Gruß brachten, um sich dann zu setzen.  Meine Aufmerksamkeit war eher in den Raum gerichtet und so fing ich an, meine Gedanken auf meinen Onkel Helmut zu lenken. ‚Helmut‘, dachte ich ‚ich weiß du kannst mich hören‘ fuhr ich fort. Vielleicht kannst du dich auch bei mir bemerkbar machen. Mir fielen viele gute Momente unseres gemeinsamen Lebens ein und ich fuhr fort ‚ist aber auch nicht schlimm, falls du es noch nicht kannst‘. Meine Gedanken schweiften noch eine Weile um Helmut, bevor ich der Rede des Pastors wieder lauschte. Ich hatte diesen, meine Großmutter nannte es immer Löcher in die Luft starren, Blick als ich plötzlich ein tippen auf dem linken Oberarm verspürte. Tiptap tiptap.. ich drehte mich um, wollte wissen, was die hinter mir Sitzenden wollten. Die aber schauten interessiert auf den Pfarrer. Wer oder was hat mich da getippt.

Helmut warst du das?

Meine Tante und mein Onkel hatten drei Kinder, alle bis auf den jüngsten konnten hören. Anton der jüngste ist taub geboren und erzählt mir, dass er, besonders am Abend, wenn er vor dem Schlafen gehen zu Ruhe kam, ein Streicheln am Arm oder manchmal auch ein pusten im Gesicht spürte.

Genau wie das Pusten in meinem Gesicht, sind die Seelen immer wieder darauf bedacht, uns zu zeigen es geht nicht zu Ende, es geht weiter. Wir müssen nur die Achtsamkeit üben und werden sie wahrnehmen.

Doch das betrifft nicht nur den geliebten Menschen, es betrifft auch den geliebten Hund, das Haustier. Als unser Hund uns nach vierzehn Jahren verlassen musste, war noch lange an seinem Schlafplatz in der Nacht sein Geruch bemerkbar. Er schlief, ohne ein Kissen oder Körbchen, neben meinem Bett. Der Geruch war so präsent, dass ich regelmäßig darauf hineinfiel und das Licht anmachte, um zu sehen wo der Hund ist.

Reidun’s Abschied

Ich lernte meine  Reidun kennen, , als ich das erste Mal in die USA kam. Sie war eine alte norwegische Freundin meines Mannes und wurde mir eine Art Mutterersatz als ich jung und unerfahren nach Utah kam. Die Freundschaft zwischen uns brauchte keine Nähe. In der Zeit nach Utah waren wir viele Tausend Kilometer voneinander getrennt und sprachen uns nie, schrieben uns selten, unserer Freundschaft tat es keinen Abbruch.

Nach dem Verkauf des Burgrestaurants wollte mein Tom angeln, bis nichts mehr geht und das am besten in den Rocky Mountains in Utah. Wir bereiteten alles vor und verließen Bremerhaven für vier Jahre. Die Freundschaft zur norwegischen Gemeinde in Utah blühte wieder auf, insbesondere die zu Reidun.

Auf einem meiner  Besuche in Utah musste ich erfahren, dass meine Freundin schwer erkrankt war. Sie hatte es vermieden, zum Arzt zu gehen, und so hatte der Krebs freie Bahn. Wir versprachen uns zu einer wöchentlichen Telefonverabredung, die ich strikt einhielt. Es gab Tage, an denen sie durch die Chemotherapie schwach war, in diesem Fall verschoben wir das Gespräch auf den Donnerstag.

Unsere Gespräche gingen immer um das Thema Leben und Sterben. Alles was sie mit ihrer Familie nicht ansprechen konnte, wurde an diesen Tagen mit mir besprochen. Sie hatte Angst vor dem Sterben, vor dem Tod. Reidun, die Zeit ihres Lebens an ein Leben nach dem Tod geglaubt hatte. Es dauerte nicht lange und ein weiterer Tumor bildete sich im Gehirn, dieser machte das Kommunizieren  unmöglich. Reidun war zu erschöpft, so verabredeten wir uns bis nach dem Tod. Ich wusste, die Familie würde mir nicht Bescheid geben. So bat ich sie, nach ihrem Hinübergehen zu mir zu kommen.

Und Reidun kam. Es war zwei Uhr nachts, als ich aufwachte. Erwarten Sie bitte keinen Geist oder irgendetwas anderes. Nein, sie suchte den telepathischen Weg und ich wusste, Sie war gegangen.

Sofort war ich wach, sprang aus dem Bett, ging zu meinem Computer und schrieb einer gemeinsamen Freundin aus dem norwegischen Strickclub eine Mail. Utah liegt acht Stunden zurück, sodass ich Solveig erreichen konnte. Sie sprang in ihren Wagen und fuhr über die Autobahn zu Reidun. Dort musste sie erfahren, dass die Freundin schon vom Bestatter abgeholt worden war. Die Krankenschwester erzählte, Reidun sei friedlich eingeschlafen. Solveig war betroffen und überrascht. Sie fragte mich: ‚Woher wusstest Du das?‘

Ich habe den Weg nicht gefunden, die Dinge zu rücken wie sie sind. Besser den Mund halten, dachte ich.

Nachtrag:

  • Sterbeprozess

Rehabilitationsphase Normale Alltagsaktivität   trotz Erkrankung  Lebenserwartung: Monate, Jahre
Präterminalphase:       Eingeschränkte Möglichkeiten aktiver Lebensgestaltung  Lebenserwartung: Wochen,  Monate
Terminalphase:            Bettlägerig, Kranke durch Rückzug und Bettlägerigkeit gezeichnet Lebenserwartung: Wenige  Tage, Woche         
Sterbephase:                Bewusstsein der sterbenden    Person nach innen       Lebenserwartung: wenige   Stunden, Tag

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